Eine neue Industrie
Zwar deuten archäologische Funde darauf hin, dass schon im Jahr 100 Inuit und nordamerikanische Indianer Wale jagten - und sogar aus prähistorischer Zeit, etwa 3000 v.Chr., finden sich Hinweise auf primitive Formen des Walfangs. Doch erst ab dem Mittelalter wurde die Waljagd systematisch betrieben, zuerst von Basken und Isländern, später auch von Holländern, Engländern und Deutschen. 1712 begann eine neue Epoche des Walfangs: Ein Schiff aus Nantucket, Massachusetts, fing erstmals einen Pottwal. Ein wertvoller Fang, denn sein Tran - das Öl, das sich aus dem Walfett kochen lässt – war anderem Waltran überlegen, vor allem als Brennstoff für Kerzen oder Lampen, aber auch als Schmieröl. Der kommerzielle Walfang ließ sich nicht mehr aufhalten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er sogar zum wichtigsten Industriezweig Amerikas. Die Häfen Nantucket, New Bedford und Sag Harbour galten weltweit als Zentren für die Jagd auf Pottwale. In den 40er Jahren, als Herman Melville selbst auf einem Walfänger zur See fuhr, waren etwa 17.000 Seeleute auf über 700 Walfang-Schiffen unter amerikanischer Flagge unterwegs. Schiff und MenschEin typisches Walfang-Schiff bestand aus Holz und hatte drei Masten, an denen jeweils vier Querstangen angebracht waren, die sogenannten Rahen. Mehr als 30 einzelne Segel waren an den Rahen befestigt. Um die Verständigung an Bord eindeutig zu halten, hatte jedes Segel einen eigenen Namen. Das Schiff und die Ausrüstung wurden von den Besitzern gestellt, die nach der Rückkehr auch die Erträge der Reise verwerteten. Die Besatzung bestand aus cirka 35 Mann, die als Lohn einen Anteil am Ertrag erhielten. Die Größe des Anteils richtete sich nach der jeweiligen Aufgabe – so verdiente ein Harpunier natürlich mehr als ein einfacher Matrose. Wer auf einem Walfänger anheuerte, musste aber vor allem Zeit mitbringen, denn eine Fahrt dauerte meist zwischen 3 und 4 Jahren. Obwohl die Industrielle Revolution bewirkte, dass die Schiffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stabiler gebaut und besser ausgerüstet waren, begann schon bald der Niedergang des kommerziellen Walfangs. 1859 wurde das Petroleum entdeckt, das schnell den Waltran in Lampen und Kerzen ersetzte. Aber nicht nur die Nachfrage nach Tran bestimmte die Konjunktur der Walfang-Industrie. Lange Zeit war auch ein anderes Produkt eng mit der Jagd auf Wale verknüpft: das Korsett. Die heimliche Stütze der Mode
Das Entscheidende am Korsett waren die eingearbeiteten Stäbe aus Fischbein. Gut drei Jahrhunderte lang war Fischbein die heimliche Stütze der europäischen Mode. Doch der ‚Fisch’ ist ein Wal und das ‚Bein’ seine Barte. Nord- und Südkaper, Grau-, Blau-, Finn- und Buckelwale waren die am häufigsten gejagten und zu einem großen Teil fast ausgerotteten Bartenwale. Sie tragen an ihren Oberkiefern bis zu 600 Barten – 4,5 Meter lange, außen glatte und innen mit fransenartigen Borsten besetzte Hornplatten. Mit diesen riesigen Filteranlagen sieben die Wale Krill und anderes Futter aus dem Wasser. Fischbein ist unzerbrechlich, leicht, biegsam und einfach zu bearbeiten. In heißem Wasser, über Dampf oder auf warmen Formen kann es gebogen werden und behält die Form nach dem Abkühlen bei. Selbst feinste Stäbchen lassen sich herausschneiden. Als Schirmrippen, Ladestöcke, Peitschenstiele, Fächerstäbe, Angelruten, Wagenfedern, Siebe, Netze, Bürsten und sogar Polstermaterial fanden die Barten Verwendung. Unentbehrlich wurden sie für die Mode: als Versteifung für Reifröcke, Puffärmel und Hüte und vor allem als Korsettstangen. Walfang und Wespentaillen
Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts verlangte die Frauenmode nach steifen Oberteilen. Parallel dazu gab es Korsetts, die mit Eisenstangen in Form gehalten wurden. Sie waren unglaublich schwer und steif. Erfunden wurden Korsett und Reifrock am spanischen Hof. Von dort gelangten sie nach Frankreich und England. Nur die Italienerinnen zeigten sich nicht interessiert. Es war aber dann eine der ihren, die als Königin am französischen Hof Korsett und Reifrock durchsetzte: Katharina von Medici verordnete ihren Hofdamen eine maximale Taille von 33 Zentimeter Umfang. In der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich das Fischbeinkorsett durchgesetzt, und in diese Zeit fielen auch Beginn und erste Blüte des kommerziellen Walfangs. Von nun an folgten Walfang und Bartenpreise dem Diktat der weiblichen Eitelkeiten. Je nachdem, ob gerade Schnürleib und Reifrock en vogue waren, stiegen die Preise, und neue Walfangschiffe wurden ausgerüstet. Affen mit Korsett
Den größten Aufschwung erlebte der Bartenhandel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Korsetts wurden nicht mehr individuell für jede Kundin gefertigt, sondern in Fabriken als Massenware produziert. So wurde das einstige Luxusgut für breite Schichten erschwinglich, und die Preise für Barten explodierten. In dieser Zeit konnten Schiffe im Nordmeer mit einer einzigen Fangsaison die Kosten für ihren Bau, die Ausrüstung und die Löhne leicht wieder einfahren. Aber dieser letzte Aufschwung war kurz. Seit 1904 kämpften englische Suffragetten gegen das Korsett, und im gleichen Jahr ließ eine amerikanische Ärztin öffentlich Affen in Korsetts vorführen, um auf den physischen und moralischen Zerfall durch das Korsetttragen hinzuweisen: von Stimmungsschwankungen und Migräne bis zu Gastritis und Leberschäden. Um 1900 waren die Bartenwale fast ausgerottet. 1909 wurde der Federstahl erfunden und ersetzte das Fischbein von einem Tag auf den anderen. Die Tage des Korsetts waren ohnehin gezählt: Die jungen Frauen schnitten sich die Haare zu Bubiköpfen, zogen Hosen an, rauchten und gingen ohne Hut auf die Straße. Das Korsett fiel und hatte endgültig ausgedient.
Quelle:
unter Verwendung des Artikels ’Schönheit muss leiden’ von Hansjörg Gadient, aus der Zeitschrift ’mare’&WDR
unter Verwendung des Artikels ’Schönheit muss leiden’ von Hansjörg Gadient, aus der Zeitschrift ’mare’&WDR
